Taibergs Wurzel

149.599.999.999 Meter war er bereits unterwegs gewesen. Dieser Sonnenstrahl. Hatte sich seinen Weg gebannt. Dem Mond die warme Schulter gezeigt. Die Stratosphäre durchschnitten, die Atmosphäre geritten. Vorbei an fliegenden Trüffelschweinchen, diamantenen Luftschlössern und vor Höhenangst weinenden Wolken. Heiß, kalt, eisig wärmend und erhitzend fröstelnd, aber stets wartend. Auf die Absolution. Auf sein Ziel. Auf das Ende. Es sollte nicht mehr lange dauern.

Doch dann: Verschluckt! Nach diesem langen, beschwerlichen, mühevollen Weg. Einzig durchzustehen mit dem Glauben an die zärtliche Umarmung der Mutter Natur. An die in der Nase kitzelnde kühle Frische des Beginn des Erdenreichs. Doch nichts da. Verschluckt! Einfach verschluckt. Und das auch noch von Taiberg. Denn Taiberg war gerade dabei, sich von Sonnenstrahlen zu ernähren.

Denn Taiberg, so erzählt man sich, leibte, lebte und liebte das Unsinnige, das Ziellose, das Ungeplante. So hatte sich der etwas gebückt laufende Mann mit langem, glattem Haar, leuchtend in der Farbe der Kognition und einem prächtigen Vollbart, der dem Nasenhaar des Mastodon ganz und gar nicht ähnlich sah, als Denker des Undenkbaren zahlreich Verhör verschafft. Im Nordosten nannten sie ihn den Hohepriester des Niederen. Im Ostnorden den Niederpriester der Höheren. Im Süden verblüffte er Poeten, Lyriker und Essayisten der konkurrierenden Schulen als Dichter des Undichten und im Norden als undichter Dichter.

Egal wohin seine Ideen ihn führten, nirgendwo wusste man, wo er her gekommen war, oder was sein Name zu bedeuten hatte. Doch besteht die Möglichkeit, dass dieser Umstand dem Fakt geschuldet ist, dass ihn schlichtweg niemand fragte. Zumal Taiberg sich nicht damit beschäftigen wollte, von sich selbst zu reden. Lieber machte er von sich reden. So ist überliefert, dass sein relativistischer Absolutismus und sein fantastischer Realismus überall gerne gesehen waren. Ja, Zelebrationen und ausgelassenen Tanzfesten hauchte er mit seinen überaus ausufernden Gedankenflüssen neues Leben ein. Kurzum: Taiberg war gemocht und wurde gern gesehen. So geschah es, dass ihm Nichts vorauseilte, außer sein blendender Ruf, während er sich von einem Ort zum nächsten begab.

Und da er stets zu Fuß unterwegs war, bliebt ihm neben dem Spinnen der Gedanken der Narretei auch viel Zeit für physische Faxen und Flausen. So übte sich der Wanderprediger in unzähligem Handwerk. Jedoch schien der närrische Intellektuelle keinerlei Erfolgsdruck dabei zu verspüren. Er schien diese Worte gar nicht erst zu kennen. Wohl hatten ihm ein paar diebische Elstern diese aus dem Wortschatz geklaut. Oder er hatte sie schlicht gegen andere, wohlklingendere Vokabel eingetauscht. Zu sagen bleibt, dass ihr Fehlen für eine gewisse Freiheit im Strome seiner Gedanken führte. Dieses Gefühl der Unverbundenheit verhalf ihm zu vielen Erfolgen in den unterschiedlichsten Anstrengungen. Manche mehr, manche weniger sinnvoll.

So malte er Bilder der Zukunft aus dem Staube der Vergangenheit. Strickte Wahrheiten aus den Wimpern von Lemuren, nur um sie im Nullsummenspiel des Affenkusses wieder aufzulösen. Versteckte das Links vor dem Rechts, bis das Rechts aus Protest selbst zum Links wurde. Tauschte dunkel gegen hell, um die Angst dazu zu bewegen, sich doch vor der Dunkelheit nicht mehr zu fürchten. Baute Brötchen aus Terrakotta und Silberampfer für die grauen unter den braunen Murmeltieren, um ihnen ein Grinsen abzuluchsen und den Faultieren zu schenken. Braute Geschichte aus zwei Teilen krausem Engelshaar, vier Teilen wettergegerbtem Kauderwelsch und Vorteilen psychotischer Amplituden. Streichelte der Häresie die verbitterte Plauze und streute ihre Unzufriedenheit über die Träume schlafender Hundertstel. Um nur einige zu nennen.

Hatte er sich neben seinen Anekdoten und seinem Tagewerk über Landesgrenzen hinweg einen Namen gemacht, konnte er auch Erfolge in der Botanik sein Eigen nennen. So manifestierte sich einer seiner zahlreichen pflanzlichen Vorstöße durch Kreuzen von Lotusblütenextrakt und unter Neumond geernteten entheogenen Alraunen unter Beigabe von – nach altchinesischer Kalenderrechnung – an ungeraden Tagen durch Witze erzählen geernteten Freudentränen jungfräulicher männlicher Makaken in einer Pflanze, die die Welt noch nicht gesehen hatte. Eine Wurzel von ungesehener Schönheit, fantasievoller Schwärze, Himmelsgestirn und Schattenreich in sich vereinender Belanglosigkeit im Auge des geflissentlichen, pflichtbewussten Verehrers der Sophistik, doch von unschätzbarem Wert für das schaffenstüchtige Narrentum unseres höchst intelligenten Müßiggängers. Denn verlieh sie ihm die nötige Ruhe bei gleichzeitiger Steigerung seiner Denkleistung. So geschah es, dass dem wunderbar neckischen Rumspinnen durch ebendiesen vermeintlich sinnlosen Vorgang ein Sinn im Unsinn verliehen wurde, da das von Taiberg geschaffene guldene Gewächs genau jener Tätigkeit immerzu neue Schaffenslust verlieh.

Welch sinnvoll sinnloser Sinn einem Unsinn verliehen werden kann, dachte Taiberg, als er die Pflanze das erste Mal verkostete und seine heillos heilsame Macht erkannte. Denn in diesem Momente geschah es, dass seine Synapsen sich öffneten, sein Fleisch und Blut im Sein des Außersichseins zum Medium für das Alles und das Nichts, das Absolute Relative, das Sein und das Nichtsein im Nichts Seienden umformten und ihm den alle anderen Spinnereien terminierenden Terminus des soeben mit seinem Leibe vereinten Gedankenkraftkrauts ins Gesicht spien: Taigawurzel.

Schmeckt. Dachte Taiberg.

Und so geschah es, dass er die Taigawurzel und jegliches aus ihr entstandene Gebräu, Gemansche, Gemenge und Gepansche als seinen einzigen wirklichen Begleiter bestimmte, der ihn als bereits gern gesehener Gast auf seinen Wegen zeitgleich zu einem Gastgeber machte. Denn wohin es ihn von nun an auch trieb, versprachen nicht mehr nur seine Gedanken Linderung von der Knechtschaft der Konstante, sondern mit ihnen auch eine wohlschmeckende Plörre der phantastischen Planlosigkeit.